Prologue

 

    

Ein Schütteln der braunen Federn, ein schneller Blick aus den schwarzen Augen und der schlanke Vogel fühlte sich bereit. Nun, so bereit man sich eben an seiner Stelle fühlen konnte. An seiner Seite hatte sich ein Schwan niedergelassen und strahlte so viel Ruhe aus, dass der braune Vogel nur noch nervöser wurde. Sein klarer Blick überwachte ständig den Raum, in dem sich außer ihnen beiden noch weitere Vögel befanden.

Er musste jedoch zugeben, dass ihn die Tiere weniger irritierten als ihre Umgebung. Alles, was sein doch so scharfes Auge erkennen konnte, waren Wolken und wieder Wolken. Aber sie waren ganz eindeutig nicht im Freien, denn die weichen, weißen Wolken umschlossen einfach alles. Er sah keinen Himmel, sah keine Erde weit unter sich. Aber der Wolkenraum war hell und da die anderen keine Gefahr spürten, ließ auch er sich einfangen von dem seltsamen Zauber, den die Wolken auf ihn ausübten.

Der Schwan, der schräg unter ihm saß, war mittlerweile sogar eingeschlafen und hatte seinen langen, schlanken Hals tief ins weiße Gefieder gesteckt. Ab und zu ging ein Ruck durch den großen Wasservogel und er seufzte selig.

Durch eine rasche Bewegung auf seiner linken Seite riss der Braune den Kopf herum. Eine dunkelbraune Eule landete neben ihm. Sie schaute ihn mit leicht geneigtem Kopf interessiert an.

„Hallo.“

Er nickte und erwiderte ihren Gruß. „Sei gegrüßt.“

Die Eule gluckste fröhlich. „Auch so einen weiten Weg hinter Dir? Ich bin aus Asien gekommen.“ Sie schwellte stolz die Brust als wäre sie den ganzen Weg geflogen. Aber unser kleiner Freund in Braun wusste sehr genau, dass alle hier über den Lichtweg gekommen waren. Genau wie er. Sie alle waren hierher gerufen worden. Ihn hatte der Ruf ereilt, als er in seinem Nest gerade sein Frühstück verspeisen wollte. Er lebte noch nicht lange allein und sein Nest war so groß und ungemütlich gewesen, dass er die letzten Nächte schlecht geschlafen hatte.

„Nein, Freundin. Mein Weg war nicht weit.“

Die Eule wies hinunter zu dem Schwan. „Schläft einfach…“ und sie schüttelte sich vor Entrüstung.

Der Braune nickte. „Sein Weg wiederum war weit“, erklärte er ehrfürchtig, “ er kommt aus Amerika.“

Der Schwan nestelte, nun da er aufgeweckt worden war, an seinem Gefieder. Dann starrte er finster zu den beiden nach oben. „Was weißt Du schon, Falke!“ Damit richtete er seinen Blick auf die Mitte des Raumes.

Der braune Falke tat es ihm erschrocken nach. Die Eule gluckste wieder und meinte beschwichtigend: „Na, na, wer wird denn gleich so sein?“

Der Falke betrachtete also wieder den Raum. Es hatte ihn tatsächlich erschreckt, dass der Schwan ihn so finster angesehen hatte, stellte er fest. Er war Gesellschaft also offenbar nicht mehr gewöhnt und hier waren ihm entschieden zu viele Vögel. Die Eule schien recht friedfertig, aber sie plapperte in einem fort. Gerade setzte sie zu einer langen Schilderung ihrer Ansichten über den Wolkenraum und seine kunstvolle Architektur an… ob sie wohl auch so aufgeregt wie er war und daher so viel sprach? Der Falke schüttelte sich innerlich, denn offen zu zeigen, dass ihm die Situation gar nicht behagte, traute er sich nicht.

Die Wolken waren im Kreis angeordnet und bildeten eine Art Arena. Sie erhoben sich ringsum und erhöhten sich dabei stetig, so dass im Ganzen etwa sieben Reihen entstanden. Aber durch die natürliche Baumasse war es unregelmäßiger und hier und da war eine Wolke vereinzelt höher und dort war eine andere etwas tiefer. Dennoch bildeten sie eine harmonische Einheit. Der Falke erinnerte sich, dass sein Vater ihm von diesem Ort erzählt hatte und auch, dass dieser ihn aus Erzählungen seines Vaters kannte, der wiederum von seinem Vater davon gehört hatte. Es hatte immer einen Falkenvater gegeben, der seinem Sohn die Geschichte weitertrug.

In den Erzählungen war dies der Ort ihrer wahren Bestimmung gewesen. Aufgrund dieses Platzes, der sich außerhalb von Zeit und Raum befinden sollte, unterschieden sie sich von anderen Exemplaren ihrer Art und wurden etwas Besonderes.

Aber dieses Privileg galt heute nichts mehr. Sie hatten die gleichen Mühen zu überleben wie all die anderen auch, ja manche von ihnen mehr als andere, da ihre Art einzigartig war. Sein Blick glitt zu einem der anderen Vögel. Er konnte ihn als Vogel erkennen, obgleich er so etwas wie ihn noch nie gesehen hatte. Das Gefieder glühte und die Schwingen brannten.

Er atmete schneller, er erinnerte sich an den Namen des Vogels aus den Erzählungen seines Vaters. „Der Phoenix“... stieß er leise aus.

Die Eule neben ihm hatte es gehört und starrte nun ihrerseits zu dem Feuervogel hinüber.

„Du hast recht, mein Freund. Nein, wie erstaunlich! Das ist ja ganz erstaunlich!“ Und schon gluckste sie wieder munter weiter und redete, als ginge es um ihr Leben. Der Falke schüttelte lachend den Kopf und sah sich wieder um.

Ein weiterer Vogel zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein stolzer Pfau hatte sich auf einen der Plätze gesetzt, von denen er einen guten Blick über die anderen besaß. Waren Pfauen von Natur aus schon anmutig und schön anzusehen, so hatte dieser noch eine königliche Ausstrahlung dazu. Der Falke erkannte, dass der Pfau im Rang sogar den Phoenix übertraf. Es wunderte ihn nur, warum.

Mit einem Mal schien alles um ihn zu vibrieren und sich zu bewegen. Erschrocken flatterte er auf.

„Es braucht sich niemand zu fürchten“, verkündete der Pfau, „der Moment ist gekommen, auf den wir alle gewartet haben.“

Wie auf ein Stichwort tauchte ein helles Licht hinter den Wolken der Kreismitte auf, durchbrach sie und wuchs weiter, bis es als Lichtquelle die Mitte des gesamten Raumes füllte.

Das Licht pulsierte und der Pfau verbeugte sich tief. Alle taten es ihm nach und der Falke, gleichsam erstaunt wie fasziniert, verbeugte sich ebenfalls, hielt aber das Licht fest im Auge.

„Wächter der schlafenden Kinder des Olymp!“ begrüßte eine laute und doch wohlklingende Stimme sie.

Der Eule verschlug es beinahe die Sprache. „Der Göttervater! Meine Güte, ich hatte also doch recht.“

Einer nach dem anderen erhob nun den gebeugten Kopf und betrachtete interessiert die Lichtkugel. Wieder erhob das Licht seine Stimme.

„Wächter, ich habe euch herbeigerufen, damit ihr die Kinder zum Olymp zurückbringt.“

Der Pfau verneigte sich kurz und fragte dann mit hastiger Stimme: „Verzeiht, Herr, aber warum? Ihr selbst habt sie doch ziehen lassen, und es hieß: für alle Ewigkeit. Warum sollen sie nun zurückkehren?“

„Gefahr, Wächter! Gefahr ist der Grund, warum die Kinder zurückkehren und erwachen müssen!“

Durch die Menge ging ein erstauntes Raunen.

Der Pfau beruhigte sie mit einem bloßen Kopfwinken und ergriff wieder das Wort. „Herr, welche Art von Gefahr?“

„Der Zauber, den die Olympioi in alter Zeit zum Schutz der Welt errichteten, ist schwach geworden.“ Einige der Tiere äußerten laut ihre Bestürzung. Der Göttervater Zeus jedoch übertönte ihre Rufe und fuhr fort. „Die schlafenden Kinder müssen geweckt werden und den Zauber erneuern, zum Schutze der Welt und auch, um ihre eigene Existenz zu sichern.“

Das Licht wies in die Runde. „Es war seit jeher die Aufgabe eurer Familien, den Schlaf der Kinder zu überwachen und bereit zu sein für das, was nicht eintreten sollte. Der Zauber war für die Ewigkeit, doch nun wird er von Tag zu Tag schwächer.“

Der Pfau nickte. „Um ihn zu erneuern müssen alle Olympioi zusammen sein. Wir werden sie aufsuchen und sie mit ihrer Mission vertraut machen.“

Zeus stimmte ihm zu. „Ja, es ist unbedingt erforderlich, dass alle dabei sind. Nur so können wir die Barriere überwinden und den Schutz erneuern. Andernfalls... nun, ihr wisst, was geschehen wird.“

Der Falke wandte sich an seine Nachbarin. „Was wird geschehen, wenn sie es nicht schaffen?“

Die Eule winkte ihn näher zu sich heran und flüsterte: „Dann müssen die Götter wieder ihren Platz einnehmen.“

„Was ist daran so schrecklich?“ fragte er verwirrt.

„Dummkopf, hat Dir Deine Familie denn gar nichts erzählt?“ raunte der Schwan zu ihm hinüber.

Diesmal ließ er es nicht auf sich sitzen. „Mein Vater hat mir vieles erzählt, aber er starb bevor er mir meine Aufgabe erklären konnte. Und mehr Familie habe ich nicht!“

Der Schwan zuckte kurz und meinte nur: „Tut mir leid, das wusste ich nicht.“

Die Eule flüsterte schnell: „Dann erzählen wir es Dir nachher.“

Nun befahl der Pfau ihnen, sich in kleine Gruppen aufzuteilen. „Unsere Mission wird in Teams leichter zu bewältigen sein. Denkt daran: wohin ihr auch gehen müsst, um die Kinder zu finden, bleibt in Gedanken miteinander verbunden.“

Die Lichtkugel schien zu nicken. Währenddessen fanden sich die Tiere in kleinen Gruppen zusammen. Der Falke, die Eule und der Schwan beschlossen, dass auch sie eine Gruppe bilden würden.

„Was ist nun mit dem Zauber? Was passiert, wenn sie es nicht schaffen?“ drängte der Falke.

Die Eule wollte es ihm gerade erklären, als Zeus noch einmal seine Stimme erhob.

„Noch Eines, Wächter!“ Seine Stimme polterte durch den Raum, so dass alle aufgeschreckt zu ihm hinsahen. Der Pfau neigte erneut den Kopf. „Herr?“

„Wir haben es nicht nur mit einem geschwächten Schutzzauber zu tun.“ Er machte eine Pause und fuhr mit düsterer Stimme fort. „Gefahr droht auch von ganz anderer Seite. Von menschlicher, um genau zu sein. Seit einiger Zeit schon beobachte ich einen Mann, der Wissen über die alten Götter zusammenträgt und Pläne schmiedet, um in unser Heiligtum einzutreten!“

„Nein, Herr!“ rief der Pfau und auch die anderen starrten den Göttervater entsetzt an.

„Ja, Wächter der Hera. Von meinem erhöhten Platz über der Welt sehe ich die Bewegungen, die auf ihr vor sich gehen. Zunächst dachte ich, dass es ihm lediglich um Wissen ginge, aber vor einigen Tagen konnte ich sehen, dass er seinen Männern Anweisungen gab und konkrete Ideen aus den alten Schriften entnahm, wie er den Olymp erobern könne.“

Nun meldete sich ein Rabe zu Wort. „Seinen Männern, Herr? Er ist nicht allein?“

„So ist es, Wächterin.“ Die Lichtkugel flackerte. „Er ist ein einflussreicher Geschäftsmann in seiner Welt. Er hat Vermögen, Besitztümer und einen wachen Verstand. Dazu noch Wagemut. Wenn er den richtigen Weg gefunden hat, dann wird er es schaffen, davon bin ich überzeugt!“

Die Eule, die neben dem Falken aufmerksam zugehört hatte, rief nun: „Was genau sucht er?“

„Das Einzige, dass es ihm ermöglicht, seinen Reichtum und seinen Einfluss zu behalten und zu vergrößern: Unsterblichkeit!“ Das Licht pulsierte nun mit rötlichem Schein. „Kein Sterblicher kann das Heiligtum betreten, aber da auch dies durch den Schutzzauber verhindert wird und jener immer schwächer wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er eindringen und sein Ziel erreichen wird.“

Der Pfau nickte. „Also sollen die erweckten Olympioi den Schutz erneuern, ehe dieser Mann seinen Plan umsetzen kann.“

„So ist es, Wächter.“

Der Pfau sah sich um und schaute in die Runde. „Einer von uns sollte sich auch um diesen Mann kümmern...“, er unterbrach sich, „verzeiht Herr, wer ist er eigentlich?“

„Dieser Mann heißt Marlowe. Er ist noch jung, knapp über dreißig, aber lasst euch deshalb nicht zu Unachtsamkeit hinreißen, Wächter. Ich habe etwas über ihn herausfinden können. Er wurde in Schottland geboren. Von seinen Eltern erbte er dort ein kleines Herrenhaus und ihre Firma. Nach dem Tod seiner Eltern übernahm er die Geschäftsleitung und vervierfachte in einem Jahr das Vermögen. Zurzeit befindet er sich in New York, dort ist sein zweiter Wohnsitz und er operiert meist von dort aus.“

„Herr, einer von uns sollte sich um ihn kümmern.“ Der Pfau überlegte, wer am besten geeignet wäre.

„Nein, Wächter. Ihr werdet nach den Kindern schauen und sie herbringen. Der Schutz wird Marlowe noch eine Weile fernhalten, aber kümmert euch jetzt um die Kinder! Sucht sie auf, vertraut sie mit ihrem Schicksal und führt sie zusammen. Über Marlowe wache ich!“ Die Kugel blitzte auf.

„Gut, Herr. Wer übernimmt die Koordination?“

„Das übernimmst Du am besten selbst, Wächter der Hera. Meine werte Gattin wird ohnehin die Führung an sich reißen, sobald ihre Erinnerung zurückkehrt.“ Der Göttervater lachte.

„Noch Fragen?“

Da niemand antwortete, erklärte Zeus die Versammlung für beendet. „Nun gut, dann sehen wir uns wieder. Versagt nicht!“ Die Lichtkugel verließ den Raum auf demselben Weg.

Alle atmeten tief durch. Der Pfau seufzte kurz und schüttelte dann sein blaugrünes, glänzendes Gefieder. „Ihr kennt eure Aufgaben, wir bleiben in Verbindung. Beeilt euch!“

Hinter ihm öffnete sich ein Lichtweg. Das strahlend helle Oval wartete, bis er hindurchgeschritten war und verschwand dann. Einer nach dem anderen verließ so den Raum. Die Eule, der Schwan und der Falke blieben einen Augenblick länger.

„Dann müssen wir uns nun auch trennen?“ Der Falke klang fast ein wenig traurig.

„Warum flennst Du denn gleich?“ grummelte der Schwan. Die Eule sah ihn scharf an.

Dann tröstete sie den kleinen Falken. „Mach Dir keine Sorgen, wir werden ja immer in Verbindung sein und bald wirst Du Deine Aufgabe als Wächter antreten und nie wieder einsam sein.“

Er schniefte und schaute sie hoffnungsvoll an. „Meinst Du wirklich?“

„Klar.“ Antwortete stattdessen der Schwan. „Sei stark und mutig. Nur so schaffst Du es.“

Die Eule meinte: „Du musst es schaffen. Andernfalls wird Marlowe sein Ziel erreichen und als Unsterblicher den Olymp verlassen und dann kriegen wir ernsthaft Probleme, weil die Götter ihn nicht mehr stoppen können.“

„Wie das?“ Der Falke riss sich zusammen und bereitete sich auf seinen Weg vor.

Die Eule beschloss, dass sie es dem Falken erklären sollte: „In alter Zeit waren die Götter unsterbliche, privilegierte Wesen. Jedem von ihnen war eine Eigenschaft, eine Idee oder eine Naturerscheinung zugeschrieben. Die Menschen verehrten sie und brachten ihnen Opfer dar. Und die Götter genossen ihr unsterbliches und ewig junges Dasein in vollen Zügen. Aber sie vergaßen, dass sie auch Pflichten hatten und in ihrer Vergnügungssucht hatten sie diese vernachlässigt. Die Menschen waren aufgebracht und die Götter sahen ein, dass sie etwas unternehmen mussten. Daraufhin schlossen sie ihre Kräfte zusammen und erschufen gemeinsam einen Schutzzauber, der die Erde stabilisieren und ihr Kraft verleihen sollte.“ Sie seufzte. „Alles schön und gut, aber damit hatten sie sich endgültig aus dem Geschäft zurückgezogen und konnten sich all ihren Launen und Vergnügungen gedankenlos hingeben.“

Der Schwan fügte hinzu: „Als die Götter vor nahezu zweitausend Jahren beschlossen, dass sie sich unter die Menschen mischen wollten...“ Der Falke unterbrach ihn sofort. „Warum denn bitte das?“

„Die Menschen verloren immer mehr den Glauben an die Götter und da diese sich von ihren Pflichten entbunden hatten, wollten sie wohl etwas Neues ausprobieren.“

Die Eule nickte. „Ja, so ganz genau wissen wir heute nicht mehr, warum sie sich damals für das Menschwerden entschieden. Aber meine Familie betonte immer, dass sich alle Olympioi dafür eingesetzt hatten.“

Der Schwan fuhr nun seinerseits fort. „Damit aber der Schutzmechanismus erhalten blieb, musste wenigstens ein Gott im Olymp zurückbleiben. Ohne seine Anwesenheit würde sich die Wohnstätte der Götter in Nichts auflösen und mit ihr auch der Zauber. Das wiederum würde zur Folge haben, dass die Götter nicht länger von ihren Pflichten entbunden blieben und alle würden unweigerlich zurückgerufen.“

„Womit wir eigentlich wieder am Anfang wären.“ Sagte die Eule mit einem Seufzer. „Wenn, ja wenn es sicher wäre, dass der Zauber ein zweites Mal erschaffen werden könnte. Ihn zu erneuern dürfte nicht das Problem sein, aber ihn neu erschaffen? Soweit ich weiß, funktioniert es nur ein einziges Mal. Die Götter müssten ihre Pflichten wieder übernehmen, für alle Ewigkeit, unabhängig vom Glauben der Menschheit.“ Sie zuckte kurz mit den Schultern. „Darüber hinaus ist es ungewiss, welche Folgen die Auflösung des Zaubers auf die Erde haben würde. Im heutigen geschwächten Zustand könnte das Fehlen des Schutzes eine weltweite Katastrophe werden.“

„Und Marlowe?“ fragte der Falke.

„Schafft er es rechtzeitig, den Olymp zu erreichen, überwindet er den Schutz, dringt ein, erlangt die Unsterblichkeit und verschwindet wieder, ehe der Olymp sich auflöst, dann wird es wirklich ernst.“

„Ist es denn wirklich möglich, dass er als Unsterblicher auf die Erde gelangen kann?“

Die Eule überlegte. „Er wird kein Gott, soviel ist sicher, aber die Unsterblichkeit enthält ewige Jugend und gewisse Unverwundbarkeiten. Und wenn der Schutz sich auflöst und die Götter praktisch gefangen nimmt, dann gibt es niemanden, der sich ihm in den Weg stellen könnte.“

„War es dann nicht unklug von den alten Göttern, dass sie den Zauber so schwach geschaffen haben?“

„Hört, hört, unser Kleiner hier denkt aber fleißig mit.“ Der Schwan grinste breit.

„Das ist es eben. Der Zauber war für die Ewigkeit geschaffen, er hätte für die Ewigkeit halten müssen. Den Göttern war es doch ernst damit, keiner von ihnen hätte gepfuscht.“

Der Falke streckte sich. „Dann machen wir uns besser auf den Weg. Ich habe schon so eine Idee, wo und wie ich meinen Schützling finde.“

„Gut, dann bleiben wir in Verbindung und sehen zu, dass wir unsere drei Götter zusammen bringen.“ Hinter dem Schwan erschien ein Lichtweg.

Die Eule nickte. „Ja, gebt auf euch Acht, Freunde. Wir sehen uns!“ Auch hinter ihr erschien das ovale Portal.

Der Falke sah beiden fest in die Augen und sagte zuversichtlich: „Auf unser Wiedersehen!“

Damit verschwand er in seinem eigenen Lichtweg.

Auch die beiden anderen verließen den Raum.

 

Zeus hatte es sich bequem gemacht und schaute zu, wie die letzten beiden Wächter seinen Versammlungsraum verließen. Dann erschien ein Schmunzeln um seine Mundwinkel, das wuchs und wuchs, zu einem Grinsen wurde und schließlich erfüllte lautes Gelächter die ehrwürdigen Hallen des Olymps.

„Warte es nur ab, Marlowe“, lachte er siegessicher, „Du wirst Dich wundern. Du wirst Dich ganz schön wundern!“