Reativa

 

 

Ama et fac quod vis

 

Eine kleine Schwalbe, die den Weg aus dem kalten Norden in die klare und sonnige Hitze des Südens gefunden hatte, flog über das ferne Land, von dem ihr die älteren Schwalben alles erzählt hatten, das sie aber noch nie selbst erblickt hatte. Sie flog über die Berge, die so hoch waren, daß trotz der sengenden Sonne auf den Gipfeln Schnee lag und sie flog über Flüsse, an denen große, graue Tiere sich abkühlten und ihren Durst stillten. Sie sah viele verschiedene Tiere und die vielfältigsten Pflanzen, deren Blüten in allen Farben des Regenbogens in der heißen Luft flimmerten.

Dann flog sie zu den großen, prächtigen Gebäuden, die die gleiche Farbe hatten, wie der Sand über den ihr eigener Schatten huschte. Vor einem stolzen Palast wurde gerade ein langer Zug Gefangener, die man im letzten Kriegszug gemacht hatte, mit Ketten aneinander gefesselt, vorgeführt.

Sharim, der Sohn des Königs des Südkreuzes und dessen baldiger Nachfolger, angesichts des gesundheitlichen Zustandes des Fürsten, stand auf einer erhöhten Plattform und betrachtete die Gefangenen.

Nachdenklich hob er seine Hand und strich sich über sein Kinn. Der letzte Sieg war für ihn keine Überraschung gewesen. Schlachten und Kriege hatten den Reiz mittlerweile für ihn verloren.

"Wer zieht schon noch in den Kampf, wenn er jedesmal wieder gewinnt ? Ob man es glauben mag, oder nicht, der Sieg kann auf Dauer auch den kampflustigsten Mann langweilen."

Er sah wieder auf seine Gefangenen, als ihm unter ihnen jemand auffiel. Normalerweise waren alle Gefangenen einer Schlacht Männer. Sharim war zwar ein gnadenlos draufgängerischer Heißsporn (was ihn bei den Damen am Hof natürlich überaus beliebt machte), aber er war kein ehrloser Tyrann, der sich an Frauen und Kindern vergriff. Seine Kämpfe waren blutig und für den Gegner tödlich, aber hinterhältig waren sie gewiß nicht.

Unter diesen Gefangenen jedoch war eindeutig eine Frau, oder besser: ein Mädchen.

Trotz des Staubes auf ihrer Kleidung und einer dicken Dreckkruste hatte sie sich einen außergewöhnlichen Stolz bewahrt. Während alle anderen durch die Schlacht und den langen Transport am Ende ihrer Kräfte angelangt waren, hielt sie ihren Kopf hoch erhoben.

Als sie seinen Blick auf ihr spürte, wendete sie den Kopf und funkelte ihn aus dunklen Augen an.

Sharim fühlte einen Schmerz, der ihn wie ein Blitz durchfuhr. Er beantwortete ihren Blick mit kühler Herablassenheit. Dann wurde der Gefangenenzug vorbeigeführt und geriet aus seinem Blickfeld.

Der junge Prinz sann noch eine Weile über diese eigenartige Begegnung nach und ließ dann eilig seinen älteren Vertrauten, Hofmarschall Kumin-Pe, herbeirufen.

Als dieser dann bei ihm eintraf, begrüßte Sharim ihn stürmisch.

"Kumin-Pe, mein Freund, wie geht es Dir ?"

"Mein Prinz, ich danke Euch für Eure Sorge, ich erfreue mich ausgezeichneter Gesundheit. Es ist sehr schön, zu sehen, daß Ihr wohlbehalten zurück seid."

Sharim nickte, erwiderte aber mürrisch: "Obwohl mich dieser Sieg nur kurz amüsieren konnte. Ich glaube, ich werde alt, weil mich solche Dinge nur noch langweilen und mir höchstens für wenige Stunden Freude bereiten."

Der Hofmarschall schüttelte energisch den Kopf. "Oh nein, mein Prinz, Ihr seid gerade erst fünfundzwanzig Jahre und damit kein bißchen alt. Vielleicht geht es wieder vorbei, ist bloß ..."

" ... eine Laune ? Oh nein, aber mein Freund, dies war nicht der Grund, warum ich Dich rufen ließ."

Sharim trat von der Brüstung weg, an der er immer noch gestanden hatte, selbst als der Hofmarschall schon angekommen war.

"Mein Freund, unter meinen Gefangenen war einer, der mir besonders ins Auge gefallen ist."

"Ich weiß, wen Ihr meint, mein Prinz. Es ist Reativa, die Tochter des verstorbenen Fürsten Mikon. Wundert Ihr Euch, daß eine Frau unter den Gefangenen ist, entgegen Eurer Befehle ?"

Der Prinz vom Kreuz des Südens nickte sprachlos. Dann faßte er sich und bemerkte zynisch, daß seine Befehle wohl noch nicht galten, für die Soldaten des Königs.

"Mein Prinz, Eure Befehle gelten ebenso wie die des Königs. Vielleicht, wenn ich es so sagen darf, sogar noch mehr, da die Soldaten Euch sehr zugetan sind, da Ihr sie von Sieg zu Sieg führt. Jedoch liegt hier ein anderer Fall vor." Er holte tief Luft und fuhr fort: "Ihr müßt wissen, mein Prinz, Reativa ist keine gewöhnliche Prinzessin, denn ihr Vater erzog sie mit lockerer Hand und gab ihrem Drängen, die Waffenkunst zu erlernen, allzu oft nach. Als sie vom Tode ihres Vaters erfuhr, stürmte sie angeblich mit voller Rüstung auf ihrem Pferd in die Schlacht. Als Eure Männer bemerkten, daß der fremde Kommandant, der plötzlich den Sieg an sich reißen wollte und auch gekonnt hätte, eine Frau war, waren sie unschlüssig, ob man sie gefangennehmen sollte. Doch war sie eine zu gute Kämpferin. Es wäre zu riskant gewesen, es nicht zu tun."

Sharim hatte bis dahin staunend geschwiegen. Plötzlich kam ihm eine verwegene Idee.

"Kumin-Pe, mein Freund, diese Reativa scheint im Gegensatz zu ihren Männern in ihrem Willen ungebrochen. Sie, verstehst Du, sie ist meine Herausforderung !" Er runzelte nachdenklich die Stirn. " Der Blick, mit dem sie mich durchbohrt hat, schrie geradezu danach die Herausforderung anzunehmen. Nun gut, ich werde Ihren Willen brechen. Dieses aufmüpfige Wesen ist mir vollends zuwider."

Kumin-Pe lächelte verständnisvoll. "Mein Prinz, wollt Ihr, daß sie Euch gefügig ist ?"

Sharim lachte lauthals. "Oh nein, Kumin-Pe, sie soll mich amüsieren, aber nicht auf diese Weise. Sie wird behandelt wie eine Sklavin."

Der Hofmarschall verbeugte sich und ging, um alles nötige vorzubereiten. Endlich hatte sein Herr wieder etwas zum Spielen gefunden !

Sharim unterdessen blickte veträumt über sein Land. Auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln.

"Mal sehen, wie müde sie vom Kampf ist ..."

 

                                                                  *

 

 

Reativa wurde von zwei bewaffneten Männern von ihrem Platz im königlichen Kerker brutal hochgezogen. Sie ließ sich ihre Wut jedoch nicht anmerken.

Die beiden zogen und zerrten sie aus der Zelle, eine kleine Treppe herauf, wo ihre Augen zu schmerzen begannen, denn sie blickte aus dem dunklen Kerker heraus in das helle Licht der Sonne. Dann band man ihr ein Tuch vor die Augen und führte sie wie ein Kalb, das sich so nicht mehr wehren konnte.

So wurde sie schließlich auch vor das Gebäude geführt, von dem aus sie der Prinz am vergangenen Tag gesehen hatte.

Die beiden Männer hielten sie auf jeder Seite fest, ihre Arme waren auf dem Rücken gefesselt und auch um ihre Fußgelenke hatte man Ketten gelegt, so daß es ihr unmöglich war, zu fliehen.

Jemand nahm ihr schließlich die Augenbinde ab und Reativa sah sich um.

Ihr Blick blieb an einer Gestalt auf der Empore hängen und sie erkannte in ihr den jungen Mann von gestern. Sie wußte, wer er war und funkelte ihn darum erneut böse und widerwillig an.

Sie sah, wie sein Blick eisig wurde, bis er schließlich seine Schultern straffte und mit lauter Stimme sprach: "Rebell des Nordens, mir ist Deine Unverfrorenheit während unserer Schlacht zu Ohren gekommen. Da diese Schlacht mit Deiner Niederlage endete, verlange ich nun von Dir Gehorsam und Unterwürfigkeit. Verneige Dich vor Deinem neuen Herrscher, Rebell."

Reativa schaute ihn verächtlich an und spuckte auf den Boden. Sharim erhob darauf die Hand und ein dritter Mann schlug ihr mit dem Knauf seines Schwertes gegen den Rücken, so daß sie fast ohnmächtig vor Schmerzen wurde. Sie ließ jedoch keinen Laut vernehmen, aber die Männer mußten sie festhalten, damit sie nicht zu Boden sank.

Auch jetzt hob Sharim wieder seine Hand und die Männer ließen sie los. Sie fiel auf die Knie. Staub wirbelte auf.

"Nun, Rebell, es sieht so aus, als wenn es mit Deiner Unterwürfigkeit noch etwas dauern wird. Daher halte ich es für angebracht, Dich noch etwas zu fordern."

Sharim rieb sich über sein bartloses Kinn und winkte dann einen Diener herbei. Er flüsterte ihm etwas zu, worauf der Diener wieder verschwand.

Der Prinz lächelte. "Ich werde in einer Stunde an einer Parade mir zu Ehren teilnehmen. Du, Rebell, wirst mich begleiten."

Sharims Lächeln wurde breiter, als er auf die zusammengesunkene Gestalt hinuntersah. Sein Lächeln gefror ihm allerdings im Gesicht, als Reativa den Kopf hob und sein Lächeln erwiderte, als sei sie nicht seine Sklavin, sondern die Herrscherin selbst.

Auf einen erneuten Wink Sharims, schlug man sie zu Boden.

 

 

                                                                *

 

 

 

Auf der Reise durchquerten sie Flußbett um Flußbett, Wälder, mannshohe Felder und staubige Wüstenabschnitte.

Reativa war mit den Händen an einer langen Kette gefesselt, die man an einem Streitwagen befestigt hatte.

Sharim ritt auf seinem Rappen neben ihr her und genoß ihre Tortur. Entgegen seiner Wünsche und Erwartungen schien der Marsch ihr wenig auszumachen. Natürlich stolperte sie ab und zu, da sie den Boden nicht besonders gut sehen konnte, dazu fuhr der Wagen recht schnell, aber ihr Kopf war hoch erhoben.

Es ärgerte Sharim maßlos, daß Reativa so zäh war, gleichzeitig bewunderte er sie aber auch.

Nun kam es, daß plötzlich vor ihnen ein großes Hindernis auftauchte, daß sie nicht umfahren konnten. Der Prinz befahl deshalb, Reativa loszubinden und an sein eigenes Pferd zu ketten.

Dann umritt er das Hindernis und begann einen bewaldeten Berg, eine kleine Abkürzung, hinauf zu reiten. Sein Rappe war ein trittsicheres Tier und kletterte mühelos.

Ab und zu sah er sich um, aber jedesmal ärgerte sich Sharim über seine Fürsorge, da die Rebellenprinzessin sich einen Spaß aus dieser Wanderung zu machen schien.

Er haßte sie umso mehr, je mehr Widerstand sie ihm bot.

Als sie in der Stadt ankamen, wurde Sharim freudig begrüßt. Er befahl, daß man Reativa neben seinem Platz aufstellen sollte, als Symbol für seinen Sieg.

Das Mädchen strafte ihn die ganze Zeit mit Verachtung.

 

 

                                                                  *

 

 

 

"Kumin-Pe, mein Freund, ich bin am Ende meiner Weisheit." Sharim seufzte tief. Dann ließ er sich auf sein kissenüberflutetes Bett fallen.

"Mein Prinz, das Mädchen ist unerwartet hartnäckig."

"Ich weiß, darum bin ich ja am Ende. Egal wie sehr ich sie demütige und herausfordere, sie hält durch. Mir ist jemand wie sie noch nie begegnet."

Er drehte sich auf den Rücken und starrte die Decke an.

Kumin-Pe verbeugte sich und bat darum, gehen zu dürfen. Er hatte da eine Idee, wie er seinem Prinzen vielleicht helfen könnte...

Mit einem Seufzer ließ Sharim ihn gehen.

 

 

                                                                   *

 

 

 

Der Prinz vom Kreuz des Südens lag noch immer schwermütig auf seinem Bett und betrachtete die reichverzierte Decke, als die Tür zu seinem Gemach geöffnet wurde.

Ärgerlich über die Störung rief Sharim: "Wer ist da ? Ich wollte in Ruhe gelassen werden !"

Er drehte sich zur Seite und sah zur Tür hinüber und er erstaunte, als jemand ihm unbekanntes den Vorhang zur Seite schob.

Ein junges Mädchen mit glänzenden, nußbraunen Haaren, die ihr locker auf die Schultern fielen, trat ein. Sie trug nicht, so wie er es von Frauen gewohnt war, ein langes, hochgeschlossenes Kleid mit weitem Rock und weiten Ärmeln, sondern Hosen, mit Goldfasern durchwirkt, darüber ein Hemd in der Farbe des Sandes und ein braunes Wams. Sie war so zart und feingliedrig, daß nur die Länge ihrer Haare verlauten ließ, daß sie ein Mädchen war..

Sharim wollte sie gerade fragen, wer sie denn sei, da hob sie den bis dahin geneigten Kopf etwas an und er blickte in dunkel funkelnde Augen.

"Bei Aminostas !" entfuhr es dem Prinzen. "Der Rebell aus dem Norden."

"Mein Name ist Reativa. Nennt mich auch so." erwiderte sie und er zuckte zusammen, da sie es mehr gefaucht als gesprochen hatte.

Langsam bewegte sie sich auf ihn zu. Sharim setzte sich etwas auf und stützte sich auf dem Arm ab.

"Was macht Ihr hier, Reativa ? Habt Ihr Euch doch entschlossen, mir demütig zu dienen ?" fragte er, obwohl er es besser wußte. Er vermutete, Kumin-Pe steckte hinter alldem und wollte ihn aufheitern, in dem er ihm Aufregung versprach. Nun gut, dachte Sharim, wir werden sehen.

Sie ging weiter auf ihn zu, bis sie direkt vor ihm stand und auf ihn hinabsah. Dann beugte sie sich zu ihm hinab, es war kein Verbeugen, wie Sharim feststellte. Sie beugte sich hinab und ging dann in die Knie, bis sie mit ihm auf gleicher Höhe war.

"Nein, Tyrann", sagte sie leise, "ich bin gekommen, damit Du mir dienst."

Sharim lachte auf. Dann sah er sie böse an.

"Was erlaubst Du Dir ? Ich soll Dir dienen ?"

Reativa sah ihm fest in die Augen.

Sharim bemerkte, daß ihre funkelnden Augen, die wie Edelsteine glänzten, gar nicht schwarz waren, sondern dunkelbraun und kleine goldene Fünkchen darin hatten. Sein Ärger verschwand plötzlich.

Sharims Haß gegen sie begann sich in seinem Innern zu verwandeln in ..., ja, in was bloß ?

Der Widerwille, dem er zuvor erlegen war, als er die Rebellin herausgefordert hatte, war abgeklungen. Er hatte das Gefühl, sich in ihren Augen zu verlieren.

Dann drehte sie den Kopf zur Seite.

Reativa schloß die Augen, um sie sofort wieder zu öffnen. Dann sagte sie leise: "Als mein Vater starb, blieb ich alleine zurück. Mein Volk aber brauchte mich. Ich war die Einzige, die den Sieg noch auf unsere Seite hätte bringen können. Ich hasse nichts so sehr wie Niederlagen !"

Sharim nickte, aber sie sah es nicht. Auch er haßte Niederlagen.

Reativa fuhr fort: "Darum habe ich hier auch nicht aufgegeben. Ich bin Eure Gefangene, Prinz, aber ich bin noch nicht besiegt. !"  Sie drehte ihren Kopf wieder in seine Richtung. Das Mädchen öffnete den Mund, als wollte sie etwas hinzufügen, aber sie schloß ihn wieder.

Nach dieser Geste ihrer Verletzlichkeit folgte Sharim einer inneren Stimme, streckte seine Hand aus und berührte sanft ihr Gesicht. Sie sah ihn erstaunt an.

Dann umfaßte er ihr Kinn, zog sie sanft, aber bestimmt zu sich und küßte sie.

Nach einer Weile ließ er sie wieder los und fragte sie mit einem Lächeln: "Reativa, Rebellin meines Herzens, was hältst Du von einem Waffenstillstand ?"

 

Draußen am Fenster flog gerade die kleine Schwalbe vorbei und sah verdutzt die beiden Menschen.

War das nicht der Prinz vom Kreuz des Südens, der die Prinzesin des Nordsterns in seinen Armen hielt ? Spielte ihr die Natur einen Streich ? War sie im Süden oder im Norden ?

Dann aber spürte sie die Wärme der Sonne auf ihrem Gefieder und flog hinaus in den Sommer.

 

 

                                                                ENDE