Reativa
|
Ama
et fac quod vis Dann
flog sie zu den großen, prächtigen Gebäuden, die die gleiche Farbe
hatten, wie der Sand über den ihr eigener Schatten huschte. Vor einem
stolzen Palast wurde gerade ein langer Zug Gefangener, die man im letzten
Kriegszug gemacht hatte, mit Ketten aneinander gefesselt, vorgeführt. Sharim,
der Sohn des Königs des Südkreuzes und dessen baldiger Nachfolger,
angesichts des gesundheitlichen Zustandes des Fürsten, stand auf einer
erhöhten Plattform und betrachtete die Gefangenen. Nachdenklich
hob er seine Hand und strich sich über sein Kinn. Der letzte Sieg war für
ihn keine Überraschung gewesen. Schlachten und Kriege hatten den Reiz
mittlerweile für ihn verloren. "Wer
zieht schon noch in den Kampf, wenn er jedesmal wieder gewinnt ? Ob man es
glauben mag, oder nicht, der Sieg kann auf Dauer auch den kampflustigsten
Mann langweilen." Er
sah wieder auf seine Gefangenen, als ihm unter ihnen jemand auffiel.
Normalerweise waren alle Gefangenen einer Schlacht Männer. Sharim war
zwar ein gnadenlos draufgängerischer Heißsporn (was ihn bei den Damen am
Hof natürlich überaus beliebt machte), aber er war kein ehrloser Tyrann,
der sich an Frauen und Kindern vergriff. Seine Kämpfe waren blutig und für
den Gegner tödlich, aber hinterhältig waren sie gewiß nicht. Unter
diesen Gefangenen jedoch war eindeutig eine Frau, oder besser: ein Mädchen. Trotz
des Staubes auf ihrer Kleidung und einer dicken Dreckkruste hatte sie sich
einen außergewöhnlichen Stolz bewahrt. Während alle anderen durch die
Schlacht und den langen Transport am Ende ihrer Kräfte angelangt waren,
hielt sie ihren Kopf hoch erhoben. Als
sie seinen Blick auf ihr spürte, wendete sie den Kopf und funkelte ihn
aus dunklen Augen an. Sharim
fühlte einen Schmerz, der ihn wie ein Blitz durchfuhr. Er beantwortete
ihren Blick mit kühler Herablassenheit. Dann wurde der Gefangenenzug
vorbeigeführt und geriet aus seinem Blickfeld. Der
junge Prinz sann noch eine Weile über diese eigenartige Begegnung nach
und ließ dann eilig seinen älteren Vertrauten, Hofmarschall Kumin-Pe,
herbeirufen. Als
dieser dann bei ihm eintraf, begrüßte Sharim ihn stürmisch. "Kumin-Pe,
mein Freund, wie geht es Dir ?" "Mein
Prinz, ich danke Euch für Eure Sorge, ich erfreue mich ausgezeichneter
Gesundheit. Es ist sehr schön, zu sehen, daß Ihr wohlbehalten zurück
seid." Sharim
nickte, erwiderte aber mürrisch: "Obwohl mich dieser Sieg nur kurz
amüsieren konnte. Ich glaube, ich werde alt, weil mich solche Dinge nur
noch langweilen und mir höchstens für wenige Stunden Freude
bereiten." Der
Hofmarschall schüttelte energisch den Kopf. "Oh nein, mein Prinz,
Ihr seid gerade erst fünfundzwanzig Jahre und damit kein bißchen alt.
Vielleicht geht es wieder vorbei, ist bloß ..." "
... eine Laune ? Oh nein, aber mein Freund, dies war nicht der Grund,
warum ich Dich rufen ließ." Sharim
trat von der Brüstung weg, an der er immer noch gestanden hatte, selbst
als der Hofmarschall schon angekommen war. "Mein
Freund, unter meinen Gefangenen war einer, der mir besonders ins Auge
gefallen ist." "Ich
weiß, wen Ihr meint, mein Prinz. Es ist Reativa, die Tochter des
verstorbenen Fürsten Mikon. Wundert Ihr Euch, daß eine Frau unter den
Gefangenen ist, entgegen Eurer Befehle ?" Der
Prinz vom Kreuz des Südens nickte sprachlos. Dann faßte er sich und
bemerkte zynisch, daß seine Befehle wohl noch nicht galten, für die
Soldaten des Königs. "Mein
Prinz, Eure Befehle gelten ebenso wie die des Königs. Vielleicht, wenn
ich es so sagen darf, sogar noch mehr, da die Soldaten Euch sehr zugetan
sind, da Ihr sie von Sieg zu Sieg führt. Jedoch liegt hier ein anderer
Fall vor." Er holte tief Luft und fuhr fort: "Ihr müßt wissen,
mein Prinz, Reativa ist keine gewöhnliche Prinzessin, denn ihr Vater
erzog sie mit lockerer Hand und gab ihrem Drängen, die Waffenkunst zu
erlernen, allzu oft nach. Als sie vom Tode ihres Vaters erfuhr, stürmte
sie angeblich mit voller Rüstung auf ihrem Pferd in die Schlacht. Als
Eure Männer bemerkten, daß der fremde Kommandant, der plötzlich den
Sieg an sich reißen wollte und auch gekonnt hätte, eine Frau war, waren
sie unschlüssig, ob man sie gefangennehmen sollte. Doch war sie eine zu
gute Kämpferin. Es wäre zu riskant gewesen, es nicht zu tun." Sharim
hatte bis dahin staunend geschwiegen. Plötzlich kam ihm eine verwegene
Idee. "Kumin-Pe,
mein Freund, diese Reativa scheint im Gegensatz zu ihren Männern in ihrem
Willen ungebrochen. Sie, verstehst Du, sie ist meine Herausforderung
!" Er runzelte nachdenklich die Stirn. " Der Blick, mit dem sie
mich durchbohrt hat, schrie geradezu danach die Herausforderung
anzunehmen. Nun gut, ich werde Ihren Willen brechen. Dieses aufmüpfige
Wesen ist mir vollends zuwider." Kumin-Pe
lächelte verständnisvoll. "Mein Prinz, wollt Ihr, daß sie Euch gefügig
ist ?" Sharim
lachte lauthals. "Oh nein, Kumin-Pe, sie soll mich amüsieren, aber
nicht auf diese Weise. Sie wird behandelt wie eine Sklavin." Der
Hofmarschall verbeugte sich und ging, um alles nötige vorzubereiten.
Endlich hatte sein Herr wieder etwas zum Spielen gefunden ! Sharim
unterdessen blickte veträumt über sein Land. Auf seinem Gesicht erschien
ein Lächeln. "Mal
sehen, wie müde sie vom Kampf ist ..."
* Reativa
wurde von zwei bewaffneten Männern von ihrem Platz im königlichen Kerker
brutal hochgezogen. Sie ließ sich ihre Wut jedoch nicht anmerken. Die
beiden zogen und zerrten sie aus der Zelle, eine kleine Treppe herauf, wo
ihre Augen zu schmerzen begannen, denn sie blickte aus dem dunklen Kerker
heraus in das helle Licht der Sonne. Dann band man ihr ein Tuch vor die
Augen und führte sie wie ein Kalb, das sich so nicht mehr wehren konnte. So
wurde sie schließlich auch vor das Gebäude geführt, von dem aus sie der
Prinz am vergangenen Tag gesehen hatte. Die
beiden Männer hielten sie auf jeder Seite fest, ihre Arme waren auf dem Rücken
gefesselt und auch um ihre Fußgelenke hatte man Ketten gelegt, so daß es
ihr unmöglich war, zu fliehen. Jemand
nahm ihr schließlich die Augenbinde ab und Reativa sah sich um. Ihr
Blick blieb an einer Gestalt auf der Empore hängen und sie erkannte in
ihr den jungen Mann von gestern. Sie wußte, wer er war und funkelte ihn
darum erneut böse und widerwillig an. Sie
sah, wie sein Blick eisig wurde, bis er schließlich seine Schultern
straffte und mit lauter Stimme sprach: "Rebell des Nordens, mir ist
Deine Unverfrorenheit während unserer Schlacht zu Ohren gekommen. Da
diese Schlacht mit Deiner Niederlage endete, verlange ich nun von Dir
Gehorsam und Unterwürfigkeit. Verneige Dich vor Deinem neuen Herrscher,
Rebell." Reativa
schaute ihn verächtlich an und spuckte auf den Boden. Sharim erhob darauf
die Hand und ein dritter Mann schlug ihr mit dem Knauf seines Schwertes
gegen den Rücken, so daß sie fast ohnmächtig vor Schmerzen wurde. Sie
ließ jedoch keinen Laut vernehmen, aber die Männer mußten sie
festhalten, damit sie nicht zu Boden sank. Auch
jetzt hob Sharim wieder seine Hand und die Männer ließen sie los. Sie
fiel auf die Knie. Staub wirbelte auf. "Nun,
Rebell, es sieht so aus, als wenn es mit Deiner Unterwürfigkeit noch
etwas dauern wird. Daher halte ich es für angebracht, Dich noch etwas zu
fordern." Sharim
rieb sich über sein bartloses Kinn und winkte dann einen Diener herbei.
Er flüsterte ihm etwas zu, worauf der Diener wieder verschwand. Der
Prinz lächelte. "Ich werde in einer Stunde an einer Parade mir zu
Ehren teilnehmen. Du, Rebell, wirst mich begleiten." Sharims
Lächeln wurde breiter, als er auf die zusammengesunkene Gestalt
hinuntersah. Sein Lächeln gefror ihm allerdings im Gesicht, als Reativa
den Kopf hob und sein Lächeln erwiderte, als sei sie nicht seine Sklavin,
sondern die Herrscherin selbst. Auf
einen erneuten Wink Sharims, schlug man sie zu Boden.
* Auf
der Reise durchquerten sie Flußbett um Flußbett, Wälder, mannshohe
Felder und staubige Wüstenabschnitte. Reativa
war mit den Händen an einer langen Kette gefesselt, die man an einem
Streitwagen befestigt hatte. Sharim
ritt auf seinem Rappen neben ihr her und genoß ihre Tortur. Entgegen
seiner Wünsche und Erwartungen schien der Marsch ihr wenig auszumachen.
Natürlich stolperte sie ab und zu, da sie den Boden nicht besonders gut
sehen konnte, dazu fuhr der Wagen recht schnell, aber ihr Kopf war hoch
erhoben. Es
ärgerte Sharim maßlos, daß Reativa so zäh war, gleichzeitig bewunderte
er sie aber auch. Nun
kam es, daß plötzlich vor ihnen ein großes Hindernis auftauchte, daß
sie nicht umfahren konnten. Der Prinz befahl deshalb, Reativa loszubinden
und an sein eigenes Pferd zu ketten. Dann
umritt er das Hindernis und begann einen bewaldeten Berg, eine kleine Abkürzung,
hinauf zu reiten. Sein Rappe war ein trittsicheres Tier und kletterte mühelos. Ab
und zu sah er sich um, aber jedesmal ärgerte sich Sharim über seine Fürsorge,
da die Rebellenprinzessin sich einen Spaß aus dieser Wanderung zu machen
schien. Er
haßte sie umso mehr, je mehr Widerstand sie ihm bot. Als
sie in der Stadt ankamen, wurde Sharim freudig begrüßt. Er befahl, daß
man Reativa neben seinem Platz aufstellen sollte, als Symbol für seinen
Sieg. Das
Mädchen strafte ihn die ganze Zeit mit Verachtung.
* "Kumin-Pe,
mein Freund, ich bin am Ende meiner Weisheit." Sharim seufzte tief.
Dann ließ er sich auf sein kissenüberflutetes Bett fallen. "Mein
Prinz, das Mädchen ist unerwartet hartnäckig." "Ich
weiß, darum bin ich ja am Ende. Egal wie sehr ich sie demütige und
herausfordere, sie hält durch. Mir ist jemand wie sie noch nie
begegnet." Er
drehte sich auf den Rücken und starrte die Decke an. Kumin-Pe
verbeugte sich und bat darum, gehen zu dürfen. Er hatte da eine Idee, wie
er seinem Prinzen vielleicht helfen könnte... Mit
einem Seufzer ließ Sharim ihn gehen.
* Der
Prinz vom Kreuz des Südens lag noch immer schwermütig auf seinem Bett
und betrachtete die reichverzierte Decke, als die Tür zu seinem Gemach geöffnet
wurde. Ärgerlich
über die Störung rief Sharim: "Wer ist da ? Ich wollte in Ruhe
gelassen werden !" Er
drehte sich zur Seite und sah zur Tür hinüber und er erstaunte, als
jemand ihm unbekanntes den Vorhang zur Seite schob. Ein
junges Mädchen mit glänzenden, nußbraunen Haaren, die ihr locker auf
die Schultern fielen, trat ein. Sie trug nicht, so wie er es von Frauen
gewohnt war, ein langes, hochgeschlossenes Kleid mit weitem Rock und
weiten Ärmeln, sondern Hosen, mit Goldfasern durchwirkt, darüber ein
Hemd in der Farbe des Sandes und ein braunes Wams. Sie war so zart und
feingliedrig, daß nur die Länge ihrer Haare verlauten ließ, daß sie
ein Mädchen war.. Sharim
wollte sie gerade fragen, wer sie denn sei, da hob sie den bis dahin
geneigten Kopf etwas an und er blickte in dunkel funkelnde Augen. "Bei
Aminostas !" entfuhr es dem Prinzen. "Der Rebell aus dem
Norden." "Mein
Name ist Reativa. Nennt mich auch so." erwiderte sie und er zuckte
zusammen, da sie es mehr gefaucht als gesprochen hatte. Langsam
bewegte sie sich auf ihn zu. Sharim setzte sich etwas auf und stützte
sich auf dem Arm ab. "Was
macht Ihr hier, Reativa ? Habt Ihr Euch doch entschlossen, mir demütig zu
dienen ?" fragte er, obwohl er es besser wußte. Er vermutete,
Kumin-Pe steckte hinter alldem und wollte ihn aufheitern, in dem er ihm
Aufregung versprach. Nun gut, dachte Sharim, wir werden sehen. Sie
ging weiter auf ihn zu, bis sie direkt vor ihm stand und auf ihn hinabsah.
Dann beugte sie sich zu ihm hinab, es war kein Verbeugen, wie Sharim
feststellte. Sie beugte sich hinab und ging dann in die Knie, bis sie mit
ihm auf gleicher Höhe war. "Nein,
Tyrann", sagte sie leise, "ich bin gekommen, damit Du mir
dienst." Sharim
lachte auf. Dann sah er sie böse an. "Was
erlaubst Du Dir ? Ich soll Dir dienen ?" Reativa
sah ihm fest in die Augen. Sharim
bemerkte, daß ihre funkelnden Augen, die wie Edelsteine glänzten, gar
nicht schwarz waren, sondern dunkelbraun und kleine goldene Fünkchen
darin hatten. Sein Ärger verschwand plötzlich. Sharims
Haß gegen sie begann sich in seinem Innern zu verwandeln in ..., ja, in
was bloß ? Der
Widerwille, dem er zuvor erlegen war, als er die Rebellin herausgefordert
hatte, war abgeklungen. Er hatte das Gefühl, sich in ihren Augen zu
verlieren. Dann
drehte sie den Kopf zur Seite. Reativa
schloß die Augen, um sie sofort wieder zu öffnen. Dann sagte sie leise:
"Als mein Vater starb, blieb ich alleine zurück. Mein Volk aber
brauchte mich. Ich war die Einzige, die den Sieg noch auf unsere Seite hätte
bringen können. Ich hasse nichts so sehr wie Niederlagen !" Sharim
nickte, aber sie sah es nicht. Auch er haßte Niederlagen. Reativa
fuhr fort: "Darum habe ich hier auch nicht aufgegeben. Ich bin Eure
Gefangene, Prinz, aber ich bin noch nicht besiegt. !"
Sie drehte ihren Kopf wieder in seine Richtung. Das Mädchen öffnete
den Mund, als wollte sie etwas hinzufügen, aber sie schloß ihn wieder. Nach
dieser Geste ihrer Verletzlichkeit folgte Sharim einer inneren Stimme,
streckte seine Hand aus und berührte sanft ihr Gesicht. Sie sah ihn
erstaunt an. Dann
umfaßte er ihr Kinn, zog sie sanft, aber bestimmt zu sich und küßte
sie. Nach
einer Weile ließ er sie wieder los und fragte sie mit einem Lächeln:
"Reativa, Rebellin meines Herzens, was hältst Du von einem
Waffenstillstand ?" Draußen
am Fenster flog gerade die kleine Schwalbe vorbei und sah verdutzt die
beiden Menschen. War
das nicht der Prinz vom Kreuz des Südens, der die Prinzesin des
Nordsterns in seinen Armen hielt ? Spielte ihr die Natur einen Streich ?
War sie im Süden oder im Norden ? Dann
aber spürte sie die Wärme der Sonne auf ihrem Gefieder und flog hinaus
in den Sommer. ENDE
|